Mut zur Offenheit: LRS als Stärke
Shownotes
In dieser Folge teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit Leserechtschreibschwäche und warum es so wichtig ist, offen darüber zu sprechen. Ich erzähle, wie befreiend es sein kann, eigene Schwächen anzunehmen und im Alltag sichtbar zu machen – auch wenn das Überwinden von Vorurteilen und Unsicherheiten Mut erfordert. Dabei gebe ich praxisnahe Ratschläge für Eltern und Betroffene, wie ein offener Umgang mit LRS gelingen kann und wie man Kinder darin bestärkt, ihre Stärken zu entdecken. Gemeinsam schauen wir auf die Bedeutung von individueller Förderung, Selbstakzeptanz und gesellschaftlicher Entstigmatisierung. Lass dich inspirieren, LRS nicht als Makel, sondern als Teil deiner Persönlichkeit zu sehen und offen darüber zu reden.
Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche, LRS) https://de.wikipedia.org/wiki/Legasthenie
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Lars Michael Lehmann: In der neuen Folge besprechen wir das Thema, wie wir offener über das Thema LRS sprechen können.
Lars Michael Lehmann: Wie ich schon mehrfach in meinem Podcast hier beschrieben habe, fällt es ganz vielen schwer, über das Thema Lese-Rechtschreib-Schwäche zu sprechen. Das ist nicht ohne Grund, weil man vielleicht auch negative Erfahrungen damit machen kann, wenn man offen über seine Schwierigkeiten spricht.
Lars Michael Lehmann: Ich habe all die Jahre immer wieder als Betroffener erlebt, dass es sehr befreiend sein kann, wenn man offen über das Thema spricht. Man sollte einfach damit offen umgehen. Das klingt wahrscheinlich viel zu simpel, aber es ist mit Sicherheit nicht so einfach. Aber ich möchte hier in dieser Folge euch einfach ein paar Ratschläge von mir als Experte, der selbst betroffen ist, geben, damit man vielleicht mehr Mut findet, über das Thema zu sprechen.
Lars Michael Lehmann: Bei Kindern ist es auch immer wieder ein Thema, dass sie ungern über das Thema sprechen, weil die Schüler dann vielleicht in der Klasse gehänselt werden könnten oder schief angeschaut werden: „Was? Du hast eine LRS? Bist du vielleicht behindert oder krank?“ Das Thema kann ja immer wieder im Raum stehen, weil die öffentliche Wahrnehmung davon etwas sehr undifferenziert ist. Immer wieder steht dann leider auch im Raum, dass es eine Behinderung oder eine Krankheit ist. Wie ihr wisst, streiten wir uns in der Fachwelt darüber, ob das wirklich so ist. Natürlich kann das auch entlastend sein, wenn man dem Kind signalisiert: „Okay, du bist jetzt behindert oder krank.“ Das muss jeder selbst wissen. Die Eltern müssen damit umgehen. Ich bin der Meinung,
Lars Michael Lehmann: dass es sehr unterschiedliche Schwächen gibt. Und darum braucht es auch einen individuellen Umgang mit den Schwierigkeiten. Und immer wieder sollte man den Kindern signalisieren: „Es ist eine Schwäche, an der man arbeiten kann, die man bewältigen kann. Natürlich nicht mit schnellen Versprechungen, dass das ganz fix geht.“ Man braucht dann nicht nur einen kurzen, einen siebentägigen Kurs zu machen, der dann wie eine Rakete abgeht und bei dem anschließend die Schwierigkeiten bewältigt werden können – das ist Unsinn. Das ist auch unseriös. Nach meiner langjährigen Erfahrung wissen wir, dass es über einen längeren Zeitraum eine zielgerichtete Förderung, nämlich Lerntherapie und Coaching, braucht, damit die Schwierigkeiten gut bewältigt werden können.
Lars Michael Lehmann: Darum muss man den Kindern auch sinnvoll vermitteln, was das Thema LRS überhaupt ist, und dass es keine ansteckende Krankheit ist und in seltenen Fällen wirklich auch eine Behinderung darstellt. Natürlich gibt es Fälle, in denen die psychische Last so auf die Seele der Kinder drückt, dass die Kinder von einer seelischen Behinderung bedroht sein können.
Lars Michael Lehmann: Das gibt es immer wieder. Darum können ja die Therapien – ich habe es schon in einem Podcast berichtet – überhaupt finanziert werden. Darin bin ich tief eingestiegen, und darum muss man einfach lernen, etwas objektiver zu betrachten, sich vielleicht etwas mehr mit dem Thema zu beschäftigen und sich auch mehr mit Aufklärung auseinanderzusetzen. --
Lars Michael Lehmann: Und damit muss man eben einfach klarkommen, dass es in unserer Fachwelt verschiedene Definitionen und die unterschiedlichsten Erfahrungen gibt. Jeder Experte wird etwas anderes zum Thema sagen. Ich kann nur für meinen Teil sagen: Es ist einfach sinnvoll, dass man offen mit dem Thema umgeht, dass man einfach dazu steht, dass man von einer Legasthenie oder einer Lese-Rechtschreib-Schwäche betroffen ist, und dass man gut ist, so wie man ist. Und man sollte den Kindern vermitteln, dass sie auch Stärken haben, dass es nie nur eine Schwäche ist, die etwas Schlimmes ist, sondern dass man lernen kann, sie zu bewältigen. Dann fällt auch der offene Umgang viel leichter. Nur wieder muss man sich die Frage stellen, ob es Sinn macht, offen damit umzugehen. Ich würde sagen: Ja. Unbedingt sollte man im Rahmen seiner Möglichkeiten offen mit dem Thema umgehen. Und auch Eltern sollten offen mit den Schwierigkeiten umgehen. Natürlich kann die Lese-Rechtschreib-Schwäche nicht für alle Probleme herhalten, die vielleicht manchmal als familiäre Konflikte in Erscheinung treten oder unter anderen Schwierigkeiten auftauchen. Das ist ein großes Missverständnis. Sicherlich können Schwierigkeiten, wenn sie nicht bewältigt werden, zu allen möglichen sozialen und psychischen Problemen führen. Das ist richtig. Aber je gesünder und offener wir mit dem Thema umgehen, desto mehr --
Lars Michael Lehmann: Wohlbefinden und auch Glück können sich dann bei den Kindern einstellen. Ich kann nur aus meiner eigenen Biografie berichten, dass das für mich eine ganz wichtige und befreiende Erfahrung war, dass ich über das Thema ganz offen in der Öffentlichkeit berichtet habe. Ich sehe das hier an meinem Podcast: Am Anfang ist es mir recht schwergefallen, ich habe recht stockend vom Blatt abgelesen und darüber gesprochen. Heute rede ich viel freier, wenn auch immer wieder mit etwas stockender Stimme. Aber das gehört eben zu mir, dass ich eher nicht so die Rampensau bin, sondern eher ein zurückhaltender und vorsichtiger Mensch. Das gehört eben zu meinem Charakter, nämlich dass ich eher ein reflektierter und nachdenklicher Mensch bin. Ich will mich ja eher als Intellektuellen bezeichnen. Und darum bin ich kein Draufgänger. Und das gehört eben zu meinem Naturell, und entsprechend meinem Naturell bin ich auch mit dem Thema umgegangen: Zuerst vorsichtig. Vor rund 20 Jahren habe ich mich dann als Blogger geoutet – mit dem Thema und bin einfach offen damit umgegangen. Das war für mich eine große Hürde, insbesondere auch schriftlich mich zu outen. Damals habe ich extrem viele Fehler geschrieben und hatte große, große Probleme mit meinen Texten. Heute sieht das natürlich ganz anders aus. Der offene Umgang kann einem helfen, die Schwierigkeiten besser zu bewältigen, weil man dann doch merkt, --
Lars Michael Lehmann: dass man das soziale Umfeld so annehmen kann, wie man ist, dass man auch die Stärken und die guten Fähigkeiten sieht. Und darum ist es besonders auch im Kindesalter wichtig, gerade in der Grundschulzeit, dass Eltern den Kindern offen kommunizieren, was das Thema LRS ist, dass einfach offen in den Familien darüber geredet wird, dass sie den Kindern signalisieren, dass der Wert nicht nur am flüssigen Lesen und Schreiben liegt, sondern an den anderen Kompetenzen, die natürlich auch eine Rolle spielen. Wichtig ist, dass man die Schwierigkeiten nicht vernachlässigt, dass man sie natürlich auch zielgerichtet angeht, fördert und den Kindern hilft, sie zu bewältigen. Das ist natürlich ein ganz wichtiger Schlüssel. Aber der offene Umgang mit der Problematik ist zu einem großen Teil wichtig, denn diese Rechtschreibschwächen sind bis heute nicht heilbar, sondern kompensierbar. Und Kompensation bedeutet, dass man dranbleibt, dass man das Lesen und Schreiben im Alltag einübt und die Freude daran behält. Und wenn man Fehler macht, lernt man einfach, damit umzugehen und entwickelt Lernstrategien, wie man mit den Schwierigkeiten besser zurechtkommt. Darum ist es immer sehr sinnvoll, dass man offen darüber spricht. --
Lars Michael Lehmann: Und Eltern sollten offen auch mit ihren Familien, den Großeltern und der näheren Verwandtschaft darüber reden. Man sollte das Thema nicht unter den Teppich kehren oder verschweigen, sondern offen angehen und besprechen. --
Lars Michael Lehmann: Und in der Schule ist es ähnlich: Wurde die Lese-Rechtschreib-Schwäche festgestellt, sollte man möglichst offen damit umgehen. Die Offenheit im Schulwesen ist sehr unterschiedlich. Natürlich können dann manchmal Kinder aufgrund ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche – gerade wenn sie dann auch Nachteilsausgleich erhalten – gehänselt werden oder Mobbing erfahren und erleben. Kinder können manchmal böse sein, auch diskriminierend. Das wird man auch, obwohl das politisch immer gefordert ist, in einer möglichst inklusiven Gesellschaft nie ganz verhindern können. Darum brauchen gerade auch die Kinder einen offenen Umgang, bei dem ihnen signalisiert wird, dass sie besondere Stärken haben. Und wenn man die Stärken stärkt, wird auch die psychische Stabilität natürlich zunehmen. Dann können die Kinder das auch wegstecken, weil sie eine gesunde Identität entwickelt haben. Und wer eine gesunde Identität entwickelt hat, hat dann auch ein dickeres Fell. Und wenn man ein dickeres Fell hat, können dann auch die Hänseleien und die Beleidigungen abprallen. Das sollte man den Kindern beibringen: dass sie einfach auch dann die Hänseleien ignorieren lernen und einfach sagen: „Ich weiß ja, was ich kann. Ich bin im Sport, in der Kunst oder in anderen sozialen Bereichen super. Ich habe zwar meine Probleme, ich erhalte Hilfe, --
Lars Michael Lehmann: und dann besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass die Schwierigkeiten recht gut in den Griff zu bekommen sind. Wie gesagt: Auch wenn ich mich mehr anstrenge, ist der offene Umgang wichtig. --
Lars Michael Lehmann: Natürlich leben wir nun in einer Leistungsgesellschaft, in der man zunehmend auch über psychische Probleme öfter spricht. Aber wer gibt schon gern zu, dass er in seinen Bereichen Schwierigkeiten hat, --
Lars Michael Lehmann: wo Lernprobleme vorliegen? Natürlich ist es in aller Munde, dass man die Probleme wahrnimmt – im Bildungswesen. Aber der entstigmatisierende Umgang mit den Problemen, den wird es auf lange Sicht nicht in dem Maße geben, wie wir es uns vielleicht wünschen. Sondern wir müssen das Thema selbst angehen, wir müssen offen darüber sprechen --
Lars Michael Lehmann: und damit leben lernen. Und dann besteht auch die Chance, dass man zufriedener lebt. Mir persönlich ist es in den letzten Jahren damit gut gegangen, dass ich meine Kommunikationsfähigkeiten im schriftlichen wie im mündlichen Bereich ausgebaut habe. Diese waren vorher immer gut vorhanden, und darum habe ich dann auch gewagt, viel offener darüber zu sprechen. Und das war für meine psychische Verfassung auch ein ganz wichtiger Schritt, weil ich dann lernte, darüber zu reden. Und das wünsche ich auch euch Eltern: dass ihr offen mit euren Kindern darüber sprecht. Signalisiert euren Kindern nicht, dass sie zu schwach sind oder zu dumm oder vielleicht krank, sondern vermittelt den Kindern: „Ihr habt eure Stärken, die fördern wir, wir fördern euch, und wir sehen natürlich auch eure Schwierigkeiten und helfen euch, damit umzugehen. Such euch auch externe Hilfen. Besonders bei psychischen Verhaltensauffälligkeiten ist es angebracht, zu einem Kinder- und Jugendpsychologen zu gehen oder zu anderen Ärzten. Will man die Lernschwierigkeiten bewältigen, ist es sinnvoll, sich eine professionelle Einzellerntherapie zu suchen und sich helfen zu lassen. Oder sucht euch noch andere Fachleute, die euch dabei unterstützen können: Schulpsychologen, Lehrer, andere Ansprechpartner an Schulen, Schulsozialarbeiter, die euch dabei unterstützen können, oder die Jugendämter, die euch gerne bei einer Eingliederungshilfe beraten. --
Lars Michael Lehmann: Dann kommt mir immer wieder das Thema in den Sinn, wie wir als Gesellschaft mit diesen Problemen umgehen. Sicherlich hat es in den letzten 20–30 Jahren einiges in diesem Bereich gegeben. Früher wurde man da ganz schnell abgestempelt: „Du bist ein Analphabet, du kannst nicht vernünftig lesen und schreiben. Du musst etwas mit den Händen machen.“ So ging es oft den Erwachsenen. Ich habe fast bemerkt: Je offener die Erwachsenen schon in der Kindheit mit dem Thema umgegangen sind, desto weniger schwer wird es dann auch im Erwachsenenalter, mit dem Thema umzugehen und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ein früherer Umgang im Kindesalter kann wirklich dazu beitragen, dass aus psychisch gesunden Kindern auch psychisch gesunde Erwachsene werden. Denn ich bin bis heute der Meinung, dass die soziale Umwelt keine unwesentliche Rolle spielt, warum Betroffene dann langfristig seelische Erkrankungen entwickeln. Ich glaube nicht, dass es da einen Automatismus gibt, dass man automatisch mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche psychische Probleme entwickeln muss. Sondern es kann dazu kommen. Und darum: Je mehr wir offen mit dem Thema umgehen, ob öffentlich oder in den Familien, an den Schulen, desto besser kann man das Thema --
Lars Michael Lehmann: und das Stigma entfernen. Bis dahin wird es natürlich noch lange Zeit vergehen. Wir leben in einer sprachlastigen Gesellschaft, die gerade auch durch unsere Tradition und Geschichte sehr geprägt ist, insbesondere was die deutsche Sprache betrifft. Deswegen ist das fehlerfreie Schreiben und Lesen weiterhin wichtig, egal wie sich die technologischen Entwicklungen fortsetzen werden. Wir haben da viele Möglichkeiten und Chancen, und Eltern sollten immer offen damit umgehen. Auch wir Betroffene sollten lernen, sprachfähig zu werden, und auch mit dem Thema offen umzugehen und darüber zu sprechen. Das war wieder eine weitere Folge. Wir kommen gerade aus dem Sommerurlaub. Bald beginnt wieder das neue Schuljahr --
Lars Michael Lehmann: 2026/2027. In der neuen Folge habe ich wieder eine Überraschung für euch. Wir freuen uns, wenn ihr diesen Podcast liked, ihn mit fünf Sternen bewertet und ihn weiterempfehlt. Bis bald, euer Legasthenie-Experte Lars Michael Lehmann
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