Ist mein Kind mit LRS krank? Medizinische und emotionale Perspektiven
Shownotes
Gastgeber: Lars M. Lehmann
Kurzinfo: In dieser Episode spricht Lars M. Lehmann über die Herausforderungen und Perspektiven von Kindern mit Legasthenie beziehungsweise Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS). Im Mittelpunkt stehen die medizinischen und emotionalen Dimensionen der LRS, die Rolle der Eltern sowie die Schwierigkeiten im Bildungssystem. Besondere Aufmerksamkeit gilt der individuellen Förderung und den Auswirkungen von Stigmatisierung auf betroffene Kinder.
Takeaways:
- Eltern sind emotional gefordert, wenn ihr Kind LRS hat.
- Die gesellschaftliche Sicht auf LRS hat sich gewandelt.
- Nicht jedes Kind mit LRS braucht einen Nachteilsausgleich.
- Die schulische Unterstützung ist oft unzureichend.
- Die soziale Umgebung prägt die Entwicklung maßgeblich.
- Diagnosen sollten nicht stigmatisieren.
- Eltern sollten aktiv Unterstützungsmöglichkeiten wahrnehmen.
- Förderklassen für LRS sind nicht die einzige Lösung.
- Emotionale Stabilität unterstützt die Entwicklung.
- Die Vielschichtigkeit von LRS verlangt individuelle Ansätze.
- O-Töne:
- „Ist mein Kind mit LRS krank?“ -„Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern.“ -„Das Thema ist einfach viel zu vielfältig.“
Kapitelübersicht:
Zeit Thema 00:00 Einführung in das Thema Legasthenie/LRS 02:40 Medizinische und emotionale Perspektiven 05:26 Schwierigkeiten im Bildungssystem 07:59 Die Rolle der Eltern und der sozialen Umwelt 10:53 Diagnose und Unterstützungsangebote 13:54 Langfristige Auswirkungen und individuelle Förderung 16:39 Stigmatisierung und emotionale Folgen 19:16 Fazit und Ausblick Links & Ressourcen:
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Transkript anzeigen
Lars M. Lehmann: Hallihallo, hier ist der Lars vom Legasthenie Coaching.
Lars M. Lehmann: Ist mein Kind mit LRS krank? Medizinische und emotionale Perspektiven.
Lars M. Lehmann: Ich als Experte für Legasthenie kann sehr gut nachvollziehen, dass Eltern emotional herausgefordert sind, wenn ihr Kind eine diagnostizierte Lese-Rechtschreib-Schwäche hat.
Lars M. Lehmann: Hier muss man die unterschiedlichen Herangehensweisen der Fachbereiche verstehen. Schule und Schulpsychologie betrachten es meist aus einer pädagogisch-psychologischen Perspektive. Kliniker hingegen sehen das Thema oft im Rahmen der ICD-10, also als etwas Krankhaftes, das von der Norm abweicht. Dort gilt: die Intelligenz muss durchschnittlich sein, während die Lese- und Rechtschreibleistung signifikant unterdurchschnittlich ist – nach komplexen Kriterien der sogenannten Intelligenzdiskrepanz. Diese Definition ist jedoch umstritten. Viele Kinder fallen dadurch aus der Normierung, bekommen weder Nachteilsausgleich noch schulische Förderung. Diese Förderung ist zudem je nach Bundesland und Schule sehr unterschiedlich. Für Eltern, die oft viel zu wenig über das Thema wissen, wirkt das verwirrend. Sie sehen nur ihr Kind, seine Entwicklung – und wollen es selbstverständlich bestmöglich unterstützen.
Lars M. Lehmann: Darum ist es wichtig, das Thema umfassender zu verstehen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich Eltern mit der Problematik überfordert fühlen. In unserer zunehmend inklusiven Gesellschaft hat sich die Sichtweise in den letzten Jahren verändert. Unsere Studie zeigte: Ein Großteil der Eltern betrachtet LRS eher als Schwäche und nicht als medizinische Kategorie. Das ist positiv, weil das Kind weniger schnell stigmatisiert wird. Doch wenn man es nur als „Schwäche“ betrachtet, übersieht man mögliche Begleiterkrankungen. Viele Fachleute aus Pädagogik und Psychologie teilen die Ansicht, dass LRS keine Krankheit sein muss. Aber institutionell und rechtlich muss das Thema kategorisiert werden – was in der Öffentlichkeit wiederum oft den Eindruck verstärkt, LRS sei automatisch ein Leiden oder eine Krankheit.
Lars M. Lehmann: Niemand möchte in eine Schublade gesteckt werden. Dennoch: Kinder, die es brauchen, sollten Nachteilsausgleich erhalten – nicht alle, aber manche. Die Schwierigkeiten sind unterschiedlich stark ausgeprägt, und die aktuelle Testpraxis, etwa hier in Sachsen, ist kritisch zu bewerten. Viele Problemfälle werden nicht richtig erkannt. Das Bildungswesen ist überfordert, eine wirklich individualisierte Herangehensweise umzusetzen. Eltern sehen daher oft nur pauschale Maßnahmen und fühlen sich unverstanden. Die Schulpsychologie ist unterbesetzt, es gibt zu wenige Fachkräfte. Zwar gibt es flächendeckende Screenings, doch deren Qualität ist fraglich. Immerhin werden dadurch Fälle sichtbar, aber die Komplexität des Einzelfalls bleibt meist unberücksichtigt.
Lars M. Lehmann: Auch die soziale Umwelt spielt eine Rolle: Wie Kinder zu Hause unterstützt werden, welche Ressourcen die Familien haben. Eltern sind heute mit schwierigen Rahmenbedingungen konfrontiert: Vollzeitjob, Alltagsstress – und dennoch wollen sie ihren Kindern gerecht werden. Gelingt das nicht, wirkt sich das auf die Entwicklung aus.
Lars M. Lehmann: Wenn Schwierigkeiten in der Schule erkannt werden, hat das auch emotionale Konsequenzen. Eltern fragen sich: Wie entwickelt sich mein Kind? Welche schulische Laufbahn ist möglich? Kann es die mittlere Reife schaffen, vielleicht sogar das Gymnasium? Diese Fragen stellen sich oft schon in der Grundschule – manchmal viel zu früh, da Kinder sich sehr unterschiedlich entwickeln und manche erst später ihre Stärken zeigen.
Lars M. Lehmann: Es gibt kein vollkommenes Bildungssystem. Mal funktioniert es besser, mal schlechter. Eltern stehen in jedem Fall immer vor komplexen Herausforderungen. Ein weiterer verständlicher Aspekt ist: Eltern wehren sich gegen die Stigmatisierung ihres Kindes als „krank“. Denn LRS selbst ist keine Krankheit, sondern eine besondere Schwierigkeit im Lesen und Schreiben. Probleme wie Konzentrationsschwierigkeiten, Arbeitsgedächtnisschwäche oder emotionale Belastungen entstehen häufig eher durch die Umweltbedingungen. Auch genetische Faktoren und neurologische Verarbeitung können eine Rolle spielen.
Lars M. Lehmann: Daher haben Erwachsene mit LRS möglicherweise ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. Aber meiner Meinung nach spielt die soziale Umwelt eine größere Rolle, als bislang erforscht wurde.
Lars M. Lehmann: Wenn Kinder eine medizinische Diagnose nach ICD-10 erhalten, hoffen die Eltern oft, dass nun automatisch Hilfe folgt. Natürlich ist es richtig, wenn Kinder Nachteilsausgleiche wie mehr Zeit in Klassenarbeiten, Vorlesehilfen oder angepasste Schriften erhalten. Aber: die Diagnose darf nicht das Signal sein „Jetzt bist du krank, jetzt müssen wir nichts mehr tun“. Genau das sehe ich bei Kindern in LRS-Klassen: Oft fehlt die parallele Förderung. LRS-Klassen können kurzfristig helfen, aber langfristig sind ihre Wirkungen begrenzt – eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Manche Kinder profitieren sehr, andere haben bis ins Erwachsenenalter massive Schwierigkeiten.
Lars M. Lehmann: Wichtiger ist eine personalisierte, eins-zu-eins-orientierte Lerntherapie, ergänzt durch Fachkräfte wie Logopäden, Neurologen oder Psychologen. Eltern sollten den Mut haben, selbst Schritte zu gehen und nicht nur auf das Bildungssystem zu vertrauen.
Lars M. Lehmann: In LRS-Klassen sitzen oft Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, gerade an Brennpunktschulen. Das macht die Situation dort nicht leichter. Besser wäre eine breitere, gleichzeitig sozial stabilere Verteilung solcher Klassen – doch bildungspolitisch wird sich daran kaum etwas ändern.
Lars M. Lehmann: Darum appelliere ich an die Eltern: Kümmern Sie sich aktiv um Ihr Kind. Warten Sie nicht auf das System. Wichtig ist, dem Kind nicht zu vermitteln: „Du bist krank.“ Stattdessen: „Du hast eine Schwierigkeit – und wir unterstützen dich, damit du dich entsprechend deiner Stärken entwickelst.“
Lars M. Lehmann: Man braucht eine umfassendere Herangehensweise, die das Kind individuell betrachtet – medizinisch, psychologisch, pädagogisch und vor allem im familiären Kontext. Nur so gelingt eine wirklich wirksame Unterstützung.
Lars M. Lehmann: Ich möchte euch noch ein Beispiel geben: Ein Kind musste die Heimatschule verlassen und kam in eine LRS-Klasse. Dort waren die sozialen Bedingungen schwierig, das Kind war sehr belastet und weinte häufig in der Lerntherapie. Schritt für Schritt konnten wir es emotional stabilisieren, indem wir ihm vermittelten: „Du bist nicht allein. Wir gehen das gemeinsam, Schritt für Schritt.“ Am Ende machte das Kind zwar nur geringe Fortschritte durch die LRS-Klasse, aber durch die begleitende individuelle Förderung entwickelte es wieder Freude am Lernen. Genau das ist entscheidend: eine Kombination, die Kinder stärkt. Ich hoffe, ich konnte euch einige Einblicke geben. Vielen Dank fürs Zuhören – bis bald, euer Lars M. Lehmann.
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